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Leben mit den Rhythmen der Natur – Teil 2

Dr. Wolfgang Schachinger

Bewegung im Rhythmus verstärkt die Energie. Im letzten Newsletter haben wir besprochen, wie ein Leben im Einklang mit den Jahreszeiten Gesundheit und Vitalität verbessert.

Der zweite wichtige Rhythmus in unserem Leben ist der Tagesrhythmus. Nichts beeinflusst die Abläufe in unserem Geist-Körper-System so sehr wie der Wechsel von Tag und Nacht.

Bis vor ca. 150 Jahren, also vor der Erfindung der Glühbirne, war es selbstverständlich, dem Rhythmus von Tag und Nacht zu folgen. Mit der Erfindung des elektrischen Lichtes und elektronischer Unterhaltungsmedien haben sich die Lebensgewohnheiten der Menschheit total verändert. Wer geht heute noch mit den Hühnern ins Bett? Wer steht auf, wenn der Hahn zum ersten Mal kräht?

Welche Belastungen für unser Regulationssystem bringt das moderne Leben mit sich? Welche Vorteile erfahren Sie, wenn Sie den Tag- Nachtrhythmus beachten?

Abfolge der Doshas im Tagesverlauf

Der Beginn und die ersten Stunden von Tag und Nacht werden jeweils von Kapha-Dosha dominiert. Ebenso wie jede Welle sich durch den Impuls von Kapha erhebt, beginnt der Tag mit einem Überschuss an Kapha-Energie. In der Natur erleben wir morgens Ruhe und Feuchtigkeit, auch Farben und Düfte zeigen, dass Erd- und Wasserelement dominieren. Das ist die Tageszeit, die besonders geeignet ist für Arbeiten und Tätigkeiten, die geistige oder körperliche Kraft abverlangen. Auch das Gedächtnis ist um diese Zeit am besten.

Wenn die Sonne höher steigt, dominiert Pitta, das vom Feuerelement geprägt ist. Damit steigt die Kraft des Verdauungssystems – Zeit zum Einnehmen einer Mahlzeit. Wer um die Mittagszeit (11 – 14 Uhr) isst, kann damit rechnen, dass die Nahrung gut verarbeitet wird und die Vitalstoffe vollständig aufgenommen werden. Um diese Zeit ist auch die Entschlusskraft am höchsten.

Mit dem Abnehmen des Sonnenstandes steigt der Einfluss von Vata. Durch die Elemente Raum und Luft nimmt die Energie ab, aber die geistige Auffassungskraft verbessert sich. Der Nachmittag ist also eine gute Zeit für geistige Aktivitäten und Kreativität.

Die Doshas während der Nacht

Mit Einbruch der Dunkelheit dominiert wieder Kapha. Geist und Körper sehnen sich nach Entspannung, regenerativen Tätigkeiten und sozialen Kontakten. Sobald es dunkel wird, reduziert der Körper seine Fähigkeit, Nahrung zu verdauen. Deswegen sollte man in den dunklen Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang möglichst keine Nahrung zu sich nehmen. Das Ende der Kapha-Zeit nach Sonnenuntergang (21 – 22 Uhr) ist die beste Zeit, um einen erholsamen Nachtschlaf zu beginnen.

Die Zeit um Mitternacht wird von Pitta regiert. Um diese Zeit verarbeitet unser Körper alles, was er während des Tages an Information und Substanz aufgenommen hat. Dieser Vorgang drückt sich unter anderem in Träumen aus. Wer um diese Zeit nicht schläft, kann die ständig zunehmenden Eindrücke des Tages nicht ausreichend verarbeiten. Fehlender Schlaf um diese Zeit verhindert Gehirnregeneration und eine wirkungsvolle Versorgung des Körpers mit Vitalstoffen.

alarm-clock-758727_1280Ab 2 Uhr dominiert wieder Vata und bringt Bewegung ins System. Im Gehirn werden zwischen 2 Uhr und Sonnenaufgang die Botenstoffe gebildet, die alle Drüsen und Organe des Körpers „aufwecken“ und für den Tag vorbereiten. Durch diese Aktivitäten ist der Schlaf etwas flacher, wenn man nicht in Balance ist, dann liegt man um diese Zeit meist wach und kann erst nach Sonnenaufgang zu Beginn der Kapha-Zeit wieder einschlafen.

Menschen, die völlig im Einklang mit den Naturgesetzen leben, nützen die Zeit vor Sonnenaufgang, um sich auch körperlich und mental auf den Tag vorzubereiten. Die klassischen Texte sind voll von Empfehlungen und Übungen, die idealerweise kurz vor oder zum Sonnenaufgang ausgeübt werden: Ölmassage, Nasya, Gandusha, Mund- und Körperhygiene wirken am allerbesten, wenn sie frühmorgens durchgeführt werden. Auch Yoga und Transzendentale Meditation sollten wenn möglich um diese Zeit geübt werden.

Ernährung im Tagesverlauf

Kapha Zeit

Nach dem Erwachen braucht der Körper vor allem eines: viel Flüssigkeit. Ein Glas etwas kühleres Wasser gleich nach dem Aufstehen bringt die Entgiftungsorgane in Schwung. Etwas später ist ein lauwarmes Glas Honig-Zitronen-(Ingwer)-Wasser günstig, um die Stoffwechselaktivität anzuregen.

Wer in der Kapha-Zeit (Sonnenaufgang bis 10 Uhr) isst, nährt alle Gewebe. Was der Körper um diese Zeit aufnimmt, dient dem Aufbau von Kraft und Reserven. Wer körperlich arbeitet oder Gewicht zunehmen möchte, sollte unbedingt um diese Tageszeit Nahrung zu sich nehmen. Diese Morgenmahlzeit soll dann auch kräftig sein. Wer um diese Zeit nur süß isst (Brot, Butter, Marmelade), kann ein Kapha-Ungleichgewicht hervorrufen. Deswegen sind morgens auch scharf schmeckende Speisen (Honig, Gewürze) und bittere Kräuter empfehlenswert.

Wer vorwiegend geistig arbeitet und/oder das Gewicht halten oder reduzieren möchte, sollte um diese Zeit nichts oder nur sehr leichte Kost zu sich nehmen.

Pitta Zeit

KichererbsenDAL_600_220x600_220Bis vor ca. 50 Jahren war es in den meisten Familien selbstverständlich, sich zum Mittagessen, der wichtigsten und reichhaltigsten Mahlzeit des Tages, zu treffen. Das ist für die meisten von uns heute nur an den Wochenenden möglich. Pendeln zum Arbeits- oder Schulort, Schichtarbeiten, unterschiedliche Arbeitszeiten der Familienmitglieder verhindern heutzutage ein gemeinsames Mittagessen.

Eine der wichtigsten Empfehlungen der Ayurveda Medizin ist jedoch, die Hauptmahlzeit des Tages zwischen 11 und 14 Uhr zu sich zu nehmen. Nur wer während dieser Zeit isst, nützt die volle Kapazität des Verdauungsfeuers. Nur mittags kann ein nahrhaftes Mahl richtig verdaut und verarbeitet werden.

thermokanneWas tun, wenn das unmöglich erscheint? Es gibt verschiedene Tipps und Tricks, um dieser Vorgabe zumindest nahe zu kommen: Achten Sie darauf, dass Sie in jedem Fall ein warmes Mittagessen zu sich nehmen. Vermeiden Sie also ein Mittagessen, das nur aus Obst, Salat, Rohkost und kalten Brötchen besteht. Suchen Sie eine Möglichkeit, frisch gekochtes Essen mittags zu bekommen. Wenn das unmöglich ist, bereiten Sie zumindest an 3 oder 4 Tagen der Arbeitswoche einen Eintopf in der Thermoskanne zu, den Sie zur Arbeit oder Schule mitnehmen. Mit einem Stück Obst, etwas Tee oder Lassi können Sie dieses einfache Mittagessen zu einer vollständigen Mahlzeit mit allen 6 Geschmacksrichtungen und Qualitäten abrunden. Unsere Empfehlung: Beginnen Sie damit so schnell wie möglich!

Vata Zeit

Das Abendessen sollte in die Vata Zeit des Tages fallen – also idealerweise vor Sonnenuntergang stattfinden. Da die Verdauungskraft um diese Zeit schon deutlich nachlässt, sollte diese Mahlzeit besonders leicht und bekömmlich sein. Keinesfalls sollten Sie um diese Zeit die größte Mahlzeit des Tages zu sich nehmen!

Zwischen Abendessen und Schlafenszeit sollten mindestens 3 Stunden liegen!

Am Abend sind Suppen, getoastetes Brot mit bekömmlichen (veganen oder vegetarischen) Aufstrichen oder ein süßer Getreidebrei empfehlenswert. Fleischwaren, größere Mengen Käse, Rohkost (Salatteller und Obst) oder auch eine gekochte mehrgängige Hauptmahlzeit sollten nur die absolute Ausnahme sein – bei Festen, Familienfeiern oder an Feiertagen.

Wenn Kapha stark dominiert, was sich durch Übergewicht, Stoffwechselstörungen wie hohes Cholesterin oder Alters-Diabetes, allergische Erkrankungen und depressive Störungen zeigt, sollte das Abendessen völlig gemieden werden. In einer derartigen Situation ist das moderne Intervallfasten (16/8) mit 2 Mahlzeiten morgens und mittags die gesündeste Lösung, die mit dem traditionellen ayurvedischen Empfehlungen übereinstimmt.

Was passiert nach Sonnenuntergang?

Sobald die Nacht hereinbricht, geht unser Geist-Körper-System auf „Regenerationsmodus“. Das bedeutet vor allem, dass der Körper nicht mit neuer Nahrung und der Geist nicht mit belastenden Sinneseindrücken beschäftigt werden sollen. Ideal ist ein kurzer Spaziergang nach dem Abendessen. Das belebt auch Geist und Körper wieder etwas, sodass ausreichend Energie für eine sinnvolle Abendbeschäftigung entsteht.

Die Kapha Zeit nach Sonnenuntergang sollte für regenerative Tätigkeiten und soziale Kontakte genutzt werden. Wie wär‘s mit einem lustigen Spiele-Abend im Kreis der Familie oder mit netten Freunden? Oder einem Konzert, einem guten Buch, einer schriftlichen Reflexion des Tages in einem Journal?

Lesen Sie hier über die ungünstigen Wirkungen von Bildschirmtätigkeit (TV, Computer, Tablet oder Mobiltelefon), die durch ihr „Blaulicht“ die Bildung des lebenswichtigen Entspannungshormons Melatonin blockiert: https://ayurvedaarzt.at/blaues-bildschirmlicht-gefahr-fuer-die-gesundheit/

Beste Zeit zum Einschlafen

Zwischen Sonnenuntergang und 22 Uhr (im Hochsommer mit Sommerzeit 23 Uhr) wird Kapha in unserem Geist-Körper-System immer mehr angehäuft. Deswegen ist eine Einschlafzeit zwischen 21:30 und 22:30 ideal, um maximale Müdigkeit und Schlaftiefe mit in die Nacht zu nehmen. Geht man wesentlich später zu Bett oder weckt man Geist und Körper durch Bildschirmzeit wieder auf, verhindert das um Mitternacht erstarkende Pitta, dass man tief und erholsam schläft. Im schlimmsten Fall kommt statt der nächtlichen Gehirnregeneration und Leberentgiftung wieder Hungergefühl, das entweder zum Kühlschrank führt oder unbefriedigt den Erholungsschlaf zunichte macht.

Zusammenfassung Teil 2

Der Ablauf der Doshas gibt den Rhythmus für Verdauungsfeuer und Essenszeiten vor. Auch geistige und körperliche Tätigkeiten sollten im Tagesverlauf an die Doshas angepasst werden.

Zu den wichtigsten Empfehlungen im Maharishi AyurVeda gehören das Einnehmen der Hauptmahlzeit mittags und die Einhaltung einer vollständigen Nahrungskarenz zwischen Sonnenuntergang und Morgen. Diese Grundregel sollte nur an Fest- und Feiertagen unterbrochen werden. Und das mit gutem Gewissen!

Lesen Sie hier Leben mit den Rhythmen der Natur – Teil 1

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